Entgrenzung und Erschöpfung liegen im Berufsalltag oft nahe beieinander. Wer nicht lernt, seine eigenen Grenzen zu erkennen und diese angemessen zu kommunizieren, ist hier besonders gefährdet. Wie das Nein-Sagen gelingen kann, ohne sich ins berufliche Abseits zu katapultieren, war Thema am 12. März, als Gleichstellungsbüro und der Arbeitskreis „Sonstige“ – eine Interessensvertretung der administrativ-technischen Mitarbeiterinnen – zu ihrer Veranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentags einluden. Fast 50 Frauen aus Zentralverwaltung und Fachbereichen kamen an diesem Nachmittag im PA-Gebäude auf dem Campus Westend zusammen, informierten sich über das Thema und diskutierten engagiert miteinander. Den Impulsvortrag hielt Psychologin und Business Coach Cornelia van den Hout. GoetheSpektrum sprach mit ihr über Grenzziehung, Harmoniesucht und Selbstmanagement.

GoetheSpektrum: Frau van den Hout, stimmt es, dass vor allem Frauen ein Problem mit dem Nein-Sagen haben?

Psychologin und Business Coach Cornelia van den Hout aus Oberursel; Foto: privat

Psychologin und Business Coach Cornelia van den Hout aus Oberursel; Foto: privat

Cornelia van den Hout: Eindeutig ja, denn auch heute noch werden die Mädchen eher dazu erzogen, Verbindungen zu knüpfen, sozial zu sein und für andere zu sorgen, während den Jungs beigebracht wird, dass sie sich durchsetzen sollen und sich die Hörner abstoßen dürfen– da hat sich leider nicht viel verändert. Hinzu kommt, dass auch heute noch Mütter dazu angehalten werden, zumindest teilweise zuhause zu bleiben. So geraten sie unter anderem in finanzielle Abhängigkeit, sodass sie sich nicht mehr trauen, Grenzen zu setzen – im Job wie zuhause.

 

Was passiert Beschäftigten, die nicht lernen, im Beruf Grenzen zu setzen?

Zu der Menge der zu bewältigenden Arbeit kommt heute das Phänomen der ständigen Erreichbarkeit hinzu. Das führt bei vielen Menschen dazu, dass sie keine Ruhephasen mehr haben. Erste Symptome dafür, dass ein Burnout drohen könnte, sind dann Reizbarkeit, Schlafstörungen, Unausgeglichenheit, Rückzug. Geht man darüber einfach hinweg, kann es zu psychischen Problemen, aus denen dann auch körperliche Krankheit und Zusammenbruch folgen können.

Gleichzeitig möchte sich kaum jemand vorwerfen lassen, lediglich Dienst nach Vorschrift zu leisten. Wo verläuft die Grenze zwischen dem berechtigten Setzen von Grenzen und möglicher Arbeitsverweigerung?

Es geht nicht darum, seine Arbeit nicht machen zu wollen, sondern darum, darauf hinzuweisen, wenn es zu viel wird. Ich glaube dabei stark an die Form. Wenn zum Beispiel eine Chefin ihre Mitarbeiterin bittet: „Machen Sie das jetzt noch schnell“ und diese weiß, dass es zu viel wird, kann sie freundlich sagen: „Wenn ich das jetzt noch mache, was darf ich dafür hintenan stellen?“ Dann ist die Vorgesetzte gefordert zu priorisieren. Reagiert die Mitarbeiterin dagegen nur mit einem: „Wie soll ich das denn jetzt noch schaffen?“, kommt das natürlich nicht so gut an. Man braucht schon etwas Fingerspitzengefühl und sollte darauf achten, wie das, was ich sage, bei meinem Gegenüber ankommen könnte. Es gibt einfach unterschiedliche Wahrnehmungen – der andere hört nicht unbedingt das, was ich sagen möchte.

Wenn ich doch ungewollt Ja zu einem zusätzlichen Arbeitsauftrag gesagt habe – gibt es ein Zurück ohne „Gesichtsverlust“?

Definitiv. Erstens glaube ich an eine Fehlerkultur: Es ist gut, Fehler zu machen – sie sind ein guter Weg, um zu lernen. Und dann: Wenn ich spontan zugestimmt habe und hinterher merke, dass dies nicht passt, kann ich dies genauso artikulieren und sagen: „Mir ist nach nochmaligen Nachdenken bewusst geworden, dass dies schwer für mich möglich ist – wie wäre es mit folgender Alternative?“ Dabei ist es wichtig, bei sich zu bleiben und klar und eindeutig zu formulieren.

 

Wie lernt man, seine eigenen Grenzen besser zu erkennen?

Für die heutige junge Generation wird dies wahrscheinlich noch schwerer werden, weil die Überforderung durch die Medien hinzukommt. Denn unsere Grenzen zu erkennen lernen wir am besten durch Innehalten. Es hilft oft schon, für kurze Zeit die Augen zu schließen und Ruhe zuzulassen. Auch das Bauchgefühl ist meistens ein guter Indikator dafür, ob etwas zu viel wird. Vor schwierigen Entscheidungen kann es auch helfen, einmal kurz rauszugehen und etwas anderes zu machen, um den Kopf klar zu bekommen. Ansonsten ist ein gutes Zeitmanagement wichtig, um meine Auslastung verlässlich einschätzen zu können. Dafür muss ich zum einen meine Aufgaben priorisieren und meinen Tag strukturieren, indem ich morgens meine To-dos plane, abends prüfe, was liegen geblieben ist und das auf den nächsten Tag übertrage. Ich empfehle außerdem immer, dass Arbeitnehmer sich nach Absprache mit ihrer Führungskraft zwei Stunden am Tag ohne Telefon oder andere Unterbrechungen nehmen sollten, damit sie in dieser Zeit konzentriert arbeiten können. Das ist viel effektiver, als ständig hin und her zu springen. Ein gutes Zeitmanagement setzt Selbstmanagement voraus, und wenn ich mich entsprechend organisiere, belasten mich Gedanken über die Arbeit des kommenden Tages auch nicht, wenn ich abends im Bett liege.

Eine weitere Herausforderung gerade für Frauen ist häufig der Wunsch nach Harmonie: Wie schafft man es, „Harmoniesucht“ zu überwinden und berufliche Auseinandersetzungen nicht persönlich zu nehmen?

Vorab: Niemand das Recht, sich im Ton zu vergreifen gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder Mitarbeitende. Ein Problem, das Frauen oft haben, ist, dass sie von ihrer Umwelt immer geliebt werden wollen – das ist den meisten Männern nicht so wichtig. Die Sehnsucht nach Harmonie müssen wir aber nicht überwinden. Wir können sie erreichen, indem wir klar und eindeutig kommunizieren. Wenn alle klar, freundlich und kompetent sagen, was sie wollen und was sie nicht wollen, ist die Folge meist authentische Harmonie. Denn dann gibt es kein „Hintenrum“ und weniger Konkurrenz. Ein guter Weg dahin ist, offen etwas anzusprechen: „Du bist gerade dabei, in mein Arbeitsgebiet einzugreifen, ich möchte das nicht.“ Oder: „Hör zu, du hast deinen Urlaub auf meinem eingetragen – wie regeln wir das?“ Es gibt für alles eine Lösung, aber dafür muss man miteinander sprechen.