Frankfurter Ethnologie-Studierende mit ihren malischen Forschungspartnern und Lehrenden (Prof. Dr. Mamadou Diawara, Dr. Gabriel Klaeger) am Forschungszentrum Point Sud in Bamako, 2015. Foto: Klaeger

Um nicht weniger als die Kulturen der Menschheit geht es im Bachelor-Studiengang Ethnologie. Frankfurt sticht hervor durch regionale Breite, Praxis- und Forschungsnähe.

Das einstige ‚Orchideenfach‘ Ethnologie erfreut sich an der Goethe-Universität wachsender Beliebtheit. Über 500 Erstsemester schrieben sich im Wintersemester 2016/17 im Haupt- und Nebenfach für Ethnologie ein. Mit 1700 Studierenden sind die Lehrenden am Institut für Ethnologie mehr als ausgelastet. Wie die vielfältigen Gesellschaften, ethnischen Gruppen und Völker dieser Welt leben, wie sie sich ernähren, organisieren, was sie glauben – dieses Wissen hat im Zeitalter wachsender globaler Verflechtungen an Bedeutung und praktischer Relevanz gewonnen.

Ethnologie-Professorin Susanne Schröter merkt das selbst daran, dass sie eine gefragte Interviewpartnerin geworden ist. „Wir leben in einer globalisierten Welt, und unsere eigene Gesellschaft hat sich zu einer pluralistischen Einwanderungsgesellschaft entwickelt. Das bedeutet, dass überall Wissen über die Kulturen der Welt benötigt wird, wenn das Zusammenleben friedlich sein soll und wenn man Reibungsverluste durch kulturelle Missverständnisse vermeiden möchte“, bringt sie es auf den Punkt.

Im Rahmen dessen hat sich das einst historisch geprägte Fach viel stärker aktuellen Fragen zugewandt. Noch ein Trend: Obwohl die Wissenschaftler an der Goethe-Uni mehr Weltregionen abdecken können als die meisten der 23 anderen deutschen Hochschulen mit diesem Fach, ändern sich die Motivatoren für das Ethnologiestudium:

„Früher waren Studierende mehr an fremden, ‚exotischeren‘ Themen, Regionen und Gesellschaften interessiert, inzwischen wollen sie sich verstärkt mit (inter-) kulturellen, sozialen und politischen Prozessen und Phänomen in unserer eigenen Gesellschaft beschäftigen“, beobachtet der wissenschaftliche Mitarbeiter Gabriel Klaeger. Schließlich müsse man, um fremde Kulturen zu erleben, nicht mehr nach Burkina Faso reisen.

„Spannendes Material für ihre Feldforschungen finden Studierende der Ethnologie auch in Frankfurter Schulen oder Flüchtlingsunterkünften. Das spiegelt sich bereits deutlich in den Themen der Bachelor-Arbeiten wieder“, bestätigt seine Kollegin Ronja Metzger-Ajah. Sie ist Studiengangkoordinatorin und Studienberaterin am Institut für Ethnologie. Was für angehende Ethnologen nicht verhandelbar sei, ist die offene Haltung für alles zunächst Fremde:

„Bei uns geht es darum, die Sicht derer einzunehmen, mit denen wir forschen und diese Ergebnisse kritisch zu kontextualisieren“, macht Metzger-Ajah deutlich. „Qualitative Daten, die wir dank der teilnehmenden Beobachtung und anderen ethnographischen Methoden gewinnen und analysieren, zählen bei uns mehr als reine Statistiken.“ Diesem Gedanken folgend, ist das Fach weniger verschult, macht geringere Vorgaben als andere Studiengänge.

In den ersten Semestern wird Grundwissen über verschiedene Regionen der Welt und die „systematischen Teilgebiete“ der Ethnologie wie Religion, Formen des Wirtschaftens, Verwandtschaft, Politik, materielle Kultur oder Migration vermittelt. Aus der Verknüpfung beider Elemente – idealerweise mit ersten Ideen aus dem Berufsorientierungsmodul – sollen die Studierenden selbst einen individuellen Schwerpunkt entwickeln.

Beispielthemen von Bachelorarbeiten

  • Butu’s Geschichte – Wandel der Mediennutzung in Tansania.
  • Ethnologisches Wissen im Unterricht. Am Beispiel der Integrationskurse für Migranten.
  • Darstellung einer mittelständischen Unternehmenskultur und Analyse ihrer Auswirkungen ihrer innerbetrieblichen Kommunikation.
  • Kunst in Zeiten des Krieges. Untersuchung aktueller Malerei aus Syrien auf Parallelen zum Expressionismus.
  • Über die inszenierte Macht von Ethnizität in Konflikten anhand des Fallbeispiels des Kosovokrieges in den 1990er Jahren.
  • Bahá’í und Transnationalismus.
  • Private Hilfsprojekte und die Rolle internationaler Akteure: das Beispiel „God’s Mercy Children’s Home“ in Kampala.
  • Naturkatastrophen. Untersuchungen zum Verhalten der Menschen in 2005 und 2010 in Pakistan.
  • Wandel der Bekleidungspraktiken in Samara, Costa Rica.
  • Kontakte und Vernetzung von Geflüchteten im Landkreis Bad Kissingen.

„Dafür brauchen sie viel Eigeninitiative und 100 Prozent Begeisterung“, ist Professorin Susanne Schröter überzeugt. Präsenzveranstaltungen sind sehr arbeitsintensiv, auch weil sie gekoppelt sind mit Forschungsveranstaltungen. Zur Auswahl stehen institutseigene Forschungskolloquien, die jährlich stattfindende Jensen-Vorlesung des Frobenius-Instituts (die älteste ethnologische Forschungsreinrichtung Deutschlands), Ringvorlesungen des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“ oder des Frankfurter Inter- Zentren-Programms AFRASO. „Für junge Semester ist das eine Herausforderung“, weiß Gabriel Klaeger.

„Jedoch bietet sich ihnen dadurch die einzigartige Möglichkeit, mit hochaktuellen ethnologischen Projekten und ‚frischen‘ Forschungsergebnissen aus dem Feld in Berührung zu kommen und an lebendigen Diskussionen mit teils jungen Wissenschaftlern teilzuhaben.“ Netzwerke wie die des Forschungszentrums „Point Sud – Lokales Wissen“ in Bamako, das von Professor Mamadou Diawara geleitet wird, können ebenfalls von Studierenden für Forschungen genutzt werden.

Der individuelle Schwerpunkt wird im zweisemestrigen Praxismodul, gern auch später in der Bachelorarbeit vertieft. „Das Praxismodul nimmt bei uns großen Raum ein“, erklärt Metzger-Ajah. Die Studierenden müssen entweder ein Berufspraktikum absolvieren oder eine eigene Feldforschungsübung zu einem Thema ihrer Wahl konzipieren und durchführen. Dabei werden sie von ihren Dozent/innen in der Gruppe vorbereitet und individuell betreut.

Wer dazu ins Ausland gehen möchte, den unterstützt das Institut mit Kontakten und Hilfestellung bei der Beantragung finanzieller Unterstützung. Passend zum regionalen Schwerpunkt wird eine dritte Fremdsprache erlernt. In einem disziplinübergreifenden Modul schließlich sollen frei wählbare Veranstaltungen aus anderen Disziplinen den ethnologischen Blick erweitern.

„Die Beschäftigung mit internationalen Rechtsgrundlagen macht etwa dann Sinn, wenn man sich mit Menschenrechtsverletzungen auf den Philippinen befasst“, führt Ronja Metzger-Ajah als Beispiel an. Wer im BA für ein mehrmonatiges Forschungsprojekt motiviert wurde, kann dies wahlweise im Masterstudiengang Ethnologie oder dem deutsch-französischen Studiengang „Ethnologie und ihre deutsch-französischen Perspektiven“ umsetzen, der gemeinsam mit der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris angeboten wird.

Beim Masterstudenten Philipp Fritz gab eine längere Reise ins Himalaya-Gebirge Nepals den Ausschlag dafür, Ethnologie zu studieren. „Eindringliche Erfahrung von Entbehrungen, die unmittelbare Konfrontation mit bitterer Armut und zugleich einer sagenhaften Herzlichkeit der Menschen legten das Fundament, auf welchem mein heutiges Interesse an außereuropäischen Regionen, fremden Lebensgewohnheiten und außereuropäischen Kulturen steht“, sagt er.

Großartig fand er, dass er bereits im fünften Semester des Bachelorstudiums seine erste eigenständige ethnologische Feldforschung im Hochgebirge Nepals durchführen konnte. „Das ist eine emotionale Breitenerfahrung, die mit einer Urlaubsreise nichts zu tun hat“, sagt er. Dort habe er sein „Initiationserlebnis“ als Ethnologe gehabt. „Unterm Strich bot mir das Studium der Ethnologie die erhofften Möglichkeiten, mich täglich mit fremden Kulturen und Gesellschaftsstrukturen zu beschäftigen.

Dies förderte die Fähigkeit, sich unvoreingenommen mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen, von diesen zu lernen und neue Perspektiven auf das eigene Leben zu erlangen.“ Erstsemesten empfiehlt er, das Studium von Beginn „als einmalige Chance zu sehen, stetig weiter an sich zu arbeiten und den eigenen Horizont zu erweitern“, so Philipp Fritz.

Auch Sarah Herrlich führte ihre Faszination an der Begegnung mit dem Fremden – bei ihr war es ein Freiwilligendienst in Dar es Salaam, Tansania – ins Ethnologiestudium und sie bereut es nicht. „Aber jetzt, wo es auf den Abschluss und die Frage nach einem Arbeitsplatz zugeht, vermisse ich den Bezug zur praktischen Arbeitswelt, außerhalb der Forschung.“ Ausdrücklich lobt sie an dieser Stelle das Engagement des Instituts, Bezüge zu den Berufsfeldern durch Seminare und den neu gegründeten Alumni-Verein herzustellen.

Sie bleibt optimistisch: „Die heutige Situation in Deutschland war so nicht zu erwarten, bietet für mich aber vielleicht eine gute Gelegenheit, mein Wissen im großen Kontext der Arbeit mit Geflüchteten einzubringen.“ Ihr Rat an Erstsemester: „Durch ehrenamtliche Arbeit lassen sich schnell Kontakte knüpfen. Aber auch Praktika oder Auslandsaufenthalte ermöglichen es, Beziehungen aufzubauen, und bieten gleichzeitig Orientierung für mögliche Arbeitsfelder.“

[Autorin: Julia Wittenhagen]

Institut für Ethnologie / Fragen an Prof. Susanne Schröter

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.