Wo geht es lang? Mit neuen Beratungsangeboten will die Goethe-Universität Studierende unterstützen, die am eingeschlagenen Weg zweifeln.

Wo geht es lang? Mit neuen Beratungsangeboten will die Goethe-Universität Studierende unterstützen, die am eingeschlagenen Weg zweifeln. (Foto: © Pitopia/Christine Müller (2015))

Ende Juni lud das Studien-Service-Center (SSC) erstmals Langzeitstudierende ein, auf einer Veranstaltung mit Vertretern von Industrie- und Handelskammer (IHK), Handwerkskammer, Studentenwerk, Frankfurt University of Applied Sciences und Bundesagentur für Arbeit über Alternativen zur universitären Bildung zu sprechen.

»34 meldeten sich an, 40 kamen«, sagt Ulrike Helbig vom SSC, die am Campus Riedberg Studierende der Naturwissenschaf- ten berät. Mit dem einfühlsamen Plädoyer, sich das Loslassen und neu Orientieren zu erlauben, wenn man auf dem Holzweg sei, habe ihre Kollegin Dagmar Kuchenbecker die Veranstaltung am 23. Juni eröffnet. »Da konnte man im Saal richtig spüren, welcher Druck von den Studierenden abfiel. Wie froh sie waren, dass andere die gleichen Sorgen haben«, sagt Helbig.

Eine Studierende mit Kind habe sich ausdrücklich dafür bedankt, dass einmal die im Fokus stehen, denen das Studium von der Dauer her Schwierigkeiten bereite. Eine andere Studierende sei mit Tränen in den Augen zu ihr gekommen, weil sie solche Zweifel plagten, ob sie das Richtige studiert. »Nach einem weiteren Gespräch hat sie jetzt offensichtlich wieder Mut gefasst und möchte bei ihrem Fach bleiben.«

Genauso ergebnisoffen möchte Helbig die neue Initiative verstanden wissen. »Wir möchten uns aktiver als bisher um diejenigen kümmern, die überdurchschnittlich lang studieren oder keine Fortschritte mehr machen. Aber wir möchten dabei niemanden fallen lassen«. Erstes Ziel der Universität sei es, die Studierenden im Studium zu unterstützen. Nur wenn das nichts mehr nütze, »zeigen wir Alternativen auf«.

In Deutschland liegt die Studienabbrecherquote bei bis zu 33 Prozent

Vor vier Jahren sei die IHK erstmals auf die Goethe-Universität zugekommen, weil sie »ihr Interesse an unseren Studienabbrechern deutlich machen wollte.« Der Mangel an Nachwuchs in manchen Lehrberufen ist bekannt. Gleichzeitig kursieren Zahlen, dass in Deutschland die Studienabbrecherquote bei 25 bis 33 Prozent liegt. Warum also nicht Brücken schlagen?

»Der Haken an solchen Statistiken ist, dass diejenigen, die einfach nur das Fach wechseln oder sich hier einschreiben mit anderen Absichten als einem Studienabschluss, die Quote hoch treiben«, sagt Helbig. »Ich weiß zum Beispiel, dass in Frankfurt viele BWL-, Anglistik- oder Informatikveranstaltungen von Berufstätigen als Fortbildung genutzt werden, die dann, wenn sie ihre Module geschafft haben, die Uni wieder verlassen.«

Daher haben sie und ihre Kollegen die Zahlen um solche Effekte bereinigt und schätzen, dass in den letzten acht Jahren »etwa 800 bis 1500 Personen die Goethe-Universität ohne Abschluss verlassen haben.« Mit massenhaften Übergängen von Studierenden in Lehrberufe rechnet das Studienberaterteam aber trotz verstärkter Kooperation auch in Zukunft nicht, »weil das Hauptthema in unseren Sprechstunden der Studienfachwechsel ist, nicht das Verlassen der Uni.«

„Hier müssen wir auffangen, aufrichten und Mut machen für neue Wege.“

Drei Gruppen von Studienzweiflern können die Berater charakterisieren: Bei der ersten entspricht das Studium nicht den Vorstellungen. »Hier ist sorgfältiges Abwägen zwischen Sich-Durchbeißen oder einem Fachwechsel notwendig.« Solche Umorientierungen würden in den ersten beiden Semestern sogar vom BAföG-Amt toleriert. Die zweite Gruppe hat eine Niederlage erlebt und beispielsweise eine Klausur dreimal nicht bestanden und damit den Prüfungsanspruch in ihrem Fach für immer verloren.

»Bei Studiengängen ohne Alternative für die Berufswahl, wie Medizin für den Arzt oder Jura für den Anwalt, ist das besonders schlimm. Hier müssen wir auffangen, aufrichten und Mut machen für neue Wege.« Die dritte Gruppe schließlich ist erfolgreich, aber traut sich nicht, etwa die Bachelorarbeit in Angriff zu nehmen. Hier sei Motivation und häufig auch eine Klärung der beruflichen Zukunftsperspektiven wichtig.

Ulrike Helbig räumt ein, dass mit der bundesweit wachsenden Zahl der Studierenden naturgemäß auch die Zahl derer wächst, die sich in ihrem Bildungsweg geirrt haben. Sie können sich neuerdings über wachsende Aufmerksamkeit und Unterstützungsangebote freuen. Google-Einträge wie »Rewe für Studienabbrecher«, Initiativen von Bundesministerien, Kammern und Arbeitsagenturen sprechen eine klare Sprache. Hier vor Ort hat sich auf Initiative des Bildungswerks der hessischen Wirtschaft im letzten Winter das »Frankfurter Beratungsnetzwerk« formiert, dem Goethe-Universität, Frankfurt University of Applied Sciences, Studentenwerk, Bundesagentur für Arbeit, IHK und Handwerkskammer angehören.

Diese Gruppe musste erst einmal Interessen klären, eine gemeinsame Sprache finden, bevor sie die Juni-Veranstaltung aus der Taufe hob. »Schließlich wollen wir ja nicht in Konkurrenz zueinander treten, sondern eine Win-win-Situation schaffen«, sagt Helbig. Sie sei selbst überrascht, welche Aufstiegschancen sich ohne Examen böten und freut sich über die Erweiterung ihres Beratungsspektrums. »Die Kammern laden derzeit gezielt alle hessischen Studienberater zu Exkursionen ein, um ihre Berufe kennenzulernen. Dabei habe ich die überragende Mannigfaltigkeit der Ausbildungsberufe kennengelernt.«

Auf die Juni-Veranstaltung sollen einmal im Monat »Stammtische für Studienzweifler« folgen, außerdem bietet die Handwerkskammer neuerdings jeden Freitag auf dem Campus Sprechstunden an. Damit rücken – zumindest räumlich – für manch einen Bildungswege außerhalb der Universität näher. [Autorin: Julia Wittenhagen]

Weitere Informationen

Ulrike Helbig (E-Mail: u.helbig@em.uni-frankfurt.de) und Dagmar Kuchenbecker (E-Mail: kuchenbecker@em.uni-frankfurt.de), Studien-Service-Center, sowie www.uni-frankfurt.de/55705366/Beratungsnetzwerk