Vertrauen im Konflikt: CONTRUST

Wie sich die Dissonanz im Konflikt in Vertrauen auflösen kann: Das Clusterprojekt ConTrust untersucht, wo selbst bei harten Konflikten noch Potenziale zu finden sind.

Wie wird der Krieg in der Ukraine enden? Wie kann er beendet werden? Darüber zerbrechen sich auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Köpfe, die im Clusterprojekt ConTrust zusammenarbeiten werden. Die Hypothese: Auch im härtesten Konflikt existieren Potenziale von Vertrauen, die aus der Krise heraushelfen können. Prof. Nicole Deitelhoff und Prof. Rainer Forst haben das Projekt 2020 unter anderem mit Landesmitteln aufgesetzt, die Sprecherschaft des neuen Clusterantrags übt Deitelhoff nun mit dem Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger aus.

Wie müssen konstruktive Konflikte beschaffen sein?

Konflikte sind in Gesellschaften nicht nur unvermeidbar; für demokratisches Zusammenleben und gesellschaftlichen Fortschritt sind sie unabdingbar. Doch wie können die Konfliktparteien sicher sein, dass der Streit nicht zerstörerisch wird? Das Geheimnis des gesellschaftlichen Zusammenlebens, davon geht das am Zentrum Normative Ordnungen angesiedelte Forschungsvorhaben ConTrust aus, ist Vertrauen. Dabei gehen die Projektinitiatoren von einem unkonventionellen Vertrauensbegriff aus: „Vertrauen wird nicht dort verortet, wo der Konflikt fehlt, sondern es basiert in unserer Vorstellung auf Erfahrungen, insbesondere auch auf positiven Erfahrungen mit Konflikten“, sagt Rainer Forst, der an der Goethe-Universität Politische Theorie und Philosophie lehrt. Vertrauen sei die Voraussetzung, damit Menschen sich mit anderen auseinanderzusetzen wagen; Vertrauen sei aber auch das Ergebnis von Konflikterfahrungen. Doch wie müssen solche konstruktiven Konflikte beschaffen und „gerahmt“ sein? Wenn die Wissenschaft hierauf Antworten findet, könnte das auch hilfreich sein für die großen Konflikte unserer Tage.

Nicole Deitelhoff, Politologin an der Goethe-Universität und Leiterin des Leibniz-Instituts Hessische Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), das die Antragsskizze gemeinsam mit der Goethe-Universität erarbeitet hat, nennt ein Beispiel: „Stellen Sie sich eine geplante Umgehungsstraße vor: Die einen wollen sie, weil sie sich davon Entlastung erwarten. Die anderen lehnen sie aus Umweltgründen ab. Die Auseinandersetzung wird hitzig, konfrontativ. Aber letztlich kommt man ins Gespräch, findet Kompromisse.“ Damit ein Konflikt so ausgehen könne, brauche es Normen und Verfahren, die von allen akzeptiert werden. Politische Gegner, die sich in Anerkennung demokratischer Grundregeln die Hände geben: Das zeuge von Vertrauen in die Normen, die sich die Gesellschaft selbst gegeben hat.

Bei der empirischen und normativen Erforschung des Zusammenhangs zwischen Vertrauen und Konflikt sollen disziplinäre Grenzen überschritten, neue Methoden erarbeitet und angewendet werden. Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Sozialpsychologie und Politologie, Philosophie, Film- und Literaturwissenschaft und Informatik sind mit im Boot. Untersucht werden vier Felder: Politische Ordnungen des Staates und darüber hinaus; Beziehungen des sozioökonomischen Tauschs; Praktiken von Medien und Wissen und Sicherheitssysteme. Interdisziplinäre Teams erforschen in exemplarischen Fallstudien vorerst drei Szenarien, in denen Vertrauen im und aus dem Konflikt entstehen kann: Es kann sich im Konflikt zeigen, dass vermeintliche Gegner vertrauenswürdig sind; man kann seine Kriterien für Vertrauenswürdigkeit der sich wandelnden Situation anpassen; und die Antagonisten können eine Wandlung durchlaufen und vertrauenswürdig sein. „Nur, wenn wir von solchen Szenarien ausgehen, und davon, dass in ihnen Vertrauen im Konflikt entsteht, können wir verstehen, wie komplexe Gesellschaften und internationale Ordnungen überhaupt funktionieren und sich produktiv erneuern können“, so Ko-Sprecher Vinzenz Hediger.

Vertrauen im Konflikt: Obwohl der thailändische Aktivist Capt Songklod Chuenchupol gerade verhaftet worden ist, lässt die Polizei es zu, dass er auf Journalistenfragen antwortet.

Gefühl von Ungewissheit

Dass derzeit vieles im Argen liegt mit dem Vertrauen in demokratische Institutionen oder Autoritäten wie gewählte Politiker oder Wissenschaftler, war der Auslöser für die Projektidee. Die Wut in manchen Kreisen der Gesellschaft sei ein Beleg dafür, dass viele Menschen orientierungslos geworden seien, ihr Vertrauen habe „keinen Ort mehr“, erklärt Deitelhoff. Ein Gefühl von Ungewissheit greife um sich; für viele sei kaum mehr zu erkennen, von wem oder auch nur wo Probleme gelöst werden könnten. Darauf reagierten viele Menschen mit Rückzug und suchten sich alternative Formen von Gewissheit. Hier zeigt sich, dass Vertrauen nicht zwangsläufig positiv gesehen werden sollte: Vertrauen kann auch auf zweifelhafte Autoritäten bauen. „Man kann dem Vertrauen nicht einfach vertrauen“, so Forst.

Was den Sprechern persönlich am Thema liegt? „Dass ich den Konflikt gerne retten möchte. Ich möchte gern im öffentlichen Bewusstsein verankern: Man muss keine Angst vor Konflikt haben, sondern man muss lernen, ihn richtig zu führen“, sagt Nicole Deitelhoff. Vinzenz Hediger betont: „Es gibt im Moment viele Zukunftsängste, aber auch die Vorstellung, dass man irgendwie zu einem dauerhaft harmonischen Zustand einer Gesellschaft von früher zurückkehren könnte.“ Diesen Zustand, so Hediger, gab es nie und wird es nie geben. „Aber wir können besser verstehen lernen, wie die Dissonanz des Konflikts sich immer wieder – wenn auch immer nur vorübergehend – in den Einklang des Vertrauens auflösen lässt.“

Pia Barth und Anke Sauter

Website: https://contrust.uni-frankfurt.de/

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