Am 24. April startet die Frankfurter Bürger-Universität „Wie wir wurden, wer wir sind“:

Helene Weigel, Eduard Beaucamp, Walter Benjamin, Helmuth Plessner, Manfred Krug und Beate Uhse – sechs prominente Persönlichkeiten der deutschen Geschichte und Gegenwart. Die einen bekannter als die anderen, dennoch hat jede(r) einzelne von ihnen mit ihrer oder seiner Lebensgeschichte Spuren hinterlassen, denen im Sommersemester 2017 in der Veranstaltungsreihe „Wie wir wurden, wer wir sind“ nachgegangen wird.

Die Reihe stellt bekannte Biografien aus unterschiedlichsten Bereichen vor, und zwar aus einer dreifachen Perspektive, die berücksichtigt, dass die Familiengeschichte, das soziokulturelle Milieu der Herkunft sowie die im Beruf zum Ausdruck gebrachte Verortung eigener Interessen und Begabungen in einem dynamischen Zusammenhang zu begreifen sind.

Die prominenten Lebensgeschichten sind auf ihre Weise auch immer Stationen der deutschen Sozial- und Kulturgeschichte. „In seinem Buch ‚Nachdenken über Geschichte‘ nennt der Historiker Thomas Nipperdey drei Dinge, die beim Umgang mit der Geschichte entstehen: Neugier, Skepsis und Annahme der Erbes, er nennt sie Tugenden. Dieser Perspektive ist die Reihe verpflichtet. Sie erzählt in Biografien die Geschichte, die wir sind“, sagt Prof. Tilman Allert. Der Soziologe an der Goethe-Universität hat das unterhaltsame und zugleich lehrreiche Veranstaltungsformat entworfen und kuratiert es seit jeher.

Als Schauspieler haben Helene Weigel und Manfred Krug die Bühnen und das Fernsehprogramm des Landes mitgeprägt. Weigel ist mit ihrem Wirken am Theater „Berliner Ensemble“ und ihrer Beziehung zu Bertolt Brecht bekannt geworden. Manfred Krug war als Figur des Nachkriegsdeutschlands besonders verwoben mit der deutsch-deutschen Geschichte. Als Jazz-Sänger war er in der DDR populär und als „Liebling Kreuzberg“ wurde er zum TV-Liebling.

Mit Walter Benjamin und Helmuth Plessner widmet sich die Reihe in diesem Jahr außerdem zwei außergewöhnlichen Philosophen. Benjamin war Kulturkritiker, der über seine Verbindung zu Adorno und der Frankfurter Schule auch mit der Geschichte der Goethe-Universität eng verwoben ist. Durch seine Philosophische Anthropologie, sein einzigartiges Bemühen, die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften zu durchbrechen und eine Philosophie der menschlichen Natur zu begründen, wurde Plessner zu einer bedeutenden Figur in seinem Fach.

Neben Schauspielern und Philosophen stehen auch die Biografien eines Kunstkritikers und einer Unternehmerin auf dem Programm. Eduard Beaucamp hat jahrelang das Kunstressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung betreut und als wortmächtiger Autor mit seinen Artikeln die Welt der Kunst mitgestaltet. Zu guter Letzt wird die Unternehmerin Beate Uhse vorgestellt. Der Name dürfte vielen durch das gleichnamige Erotikunternehmen bekannt sein. Als dessen Gründerin und auch als Pilotin war sie sehr erfolgreich. Ab dem 24. April machen an sechs Abenden, jeweils um 19.30 Uhr in der Zentralbibliothek der Stadtbücherei Frankfurt, ebenso namhafte Referenten diese sechs Persönlichkeiten auf individuelle Art und Weise erfahrbar.

Mehr als 30 deutsche Biografien in über sechs Jahren vorgestellt Allert selbst stellt zwei der sechs Biografien vor. Er befasst sich zum Auftakt am 24. April mit Helene Weigel und zum Abschluss am 3. Juli hat sich der Soziologe Beate Uhse vorgenommen. Er kuratiert die Reihe nun bereits im siebten Sommer. Wie aber kam es eigentlich zu der Idee einer Biografienreihe? „Sie speist sich aus zwei Motiven: Das erste ist mein Buch ‚Die Familie. Fallstudien zur Unverwüstlichkeit einer Lebensform‘, in dem ich bereits den Verwerfungen der deutschen Geschichte in Familienbeziehungen verschiedener sozialer Milieus nachgegangen bin.

Das zweite hat damit zu tun, die Leistungsfähigkeit einer hermeneutischen Perspektive in meiner Disziplin zu demonstrieren und zu zeigen, dass Soziologie weitaus mehr ist als Umfrageforschung“, so Allert. Nachdem die ersten Biografien 2008 derart erfolgreich gelaufen waren, gab es aufgrund erhöhter Nachfrage eine zweite Runde, die ursprünglich gar nicht geplant war. Es folgten viele mehr. In der Zwischenzeit sind über 30 deutsche Biografien vorgestellt worden – unter anderem Angela Merkel, Karl Lagerfeld, Loriot oder Romy Schneider. In Kooperation mit der Stadtbücherei Frankfurt hat das Veranstaltungsformat in den vergangenen Jahren mehr als 4.000 Besucher angezogen und ist damit eine der beliebtesten Bürger-Uni-Reihen.

Folgende Termine und Biografien erwarten Sie im Sommersemester 2017:

24. April 2017: Helene Weigel – Mutter Courage; Vortrag von Prof. Tilman Allert
08. Mai 2017: Eduard Beaucamp – Unzeitgemäße Kunstkritik; Vortag von Prof. Matthias Bormuth
22. Mai 2017: Walter Benjamin – Genie und Grenzgänger; Vortrag von Dr. Lorenz Jäger
19. Juni 2017: Helmuth Plessner – Vom Lachen und Weinen; Vortrag von Prof. Birgit Recki
26. Juni 2017 Manfred Krug – Liebling Kreuzberg; Vortrag von Dr. Edo Reents
03. Juli 2017: Beate Uhse – Freiheit für die Liebe; Vortrag von Prof. Tilman Allert

Wann? Beginn jeweils um 19.30 Uhr, Eintritt frei
Wo? Foyer der Zentralbibliothek der Stadtbücherei (Hasengasse 4, 60311 Frankfurt am Main)

Das Programmheft der Bürger-Universität mit rund 100 Veranstaltungen steht hier als PDF-Download zur Verfügung.