Wer sind eigentlich die knapp 30 Seniorprofessorinnen und –professoren an der Goethe-Universität, die sich auch nach ihrer Pensionierung noch in der Lehre engagieren? In einer mehrteiligen Serie werden sie hier vorgestellt. 

Um die Betreuungsrelationen zu verbessern und ein zusätzliches hochqualifiziertes Lehrangebot anbieten zu können, besteht seit Ende 2009 an der Goethe-Universität die Möglichkeit, Seniorprofessuren einzurichten. Pensionierte oder emeritierte Professorinnen und Professoren der Goethe-Universität oder anderer Universitäten mit ausgewiesener Lehrkompetenz kommen für eine Seniorprofessur infrage und können somit auch nach ihrer Pensionierung weiterhin in der Lehre tätig sein. Das Lehrdeputat liegt zwischen vier und acht Semesterwochenstunden und schließt die Verpflichtung zu prüfen ein.

Teil 8 – Prof. Manfred Faßler

 

Prof. Manfred Faßler (69) ist seit 2014 Seniorprofessor am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Goethe-Universität. Sein Lehrdeputat beträgt acht Semesterwochenstunden.

 

 

 

Herr Prof. Faßler, wie kam es zu der Entscheidung für eine Seniorprofessur und was war Ihre Motivation, sich für weitere Lehrjahre an der Goethe-Uni zu entschieden, statt ihre freie Zeit zu genießen?

Es war eine Chance, auf die mich Kollegen aufmerksam machten. Sie kannten meine Freude an der wissenschaftlichen Arbeit, ob in Lehre oder Forschung. Darüber sprach ich dann mit Freunden im Institut, vor allen aber mit Prof. Gisela Welz. Wir waren uns rasch einig darüber, was ich nach der Pension in den jeweiligen Studienabschnitten würde beitragen können. Es waren nicht nur die früheren Themen, die das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie interessierten. Die Verbindung von Soziologie, in der ich an der FU Berlin habilitierte, Technik- und Bildwissenschaften, Konzepten von Kultureller Koevolution und Untersuchungen zu digitalen Medien ermöglichten studienbezogene Aktualität. Und diese Themen versprachen, die Bildung der Studierenden nahe an die Transformationen unserer komplexen Lebensweisen und Lebenszusammenhängen zu begleiten. Nicht gerade wissenschaftlich, aber deutlich und sympathisch fiel die Antwort meiner Familie aus: ´Bleib bloß nicht zu Hause´.

Da ich mir nicht vorstellen konnte, aus den existierenden Lehr- und Forschungskontexten, zum Beispiel dem „Forschungsnetzwerk Anthropologie des Medialen / FAMe“ auszusteigen, bekundete ich mein Interesse. Eine große Hilfe war mir dabei die positive Haltung und Stellungnahme der Studierenden. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Denn einfach ist es für sie auch nicht immer, die koevolutionären Dynamiken, von denen ich in allen Bereichen ausgehe, in ihren Verästelungen und Komplexitäten zu verstehen. Trotz aller Anstrengungen, am Ball zu bleiben, zu forschen, Lehre vorzubereiten, bin ich in der privilegierten Situation, mit klugen, neugierigen, suchenden, entschiedenen, lebensbejahenden Menschen zusammen zu denken, und zu diskutieren.

Gab es Situationen, in denen Sie Ihre Entscheidung bereut haben?

Nein. Ich wusste doch, was ich weiterführte: ein Leben mit Wissenschaft als Beruf und als Fangnetz meiner Unruhe über die Entwicklungen in der Welt aus Maschinen, Menschen, Medien, Ökonomie, Politik, Ästhetik, Kunst, Design. Manchmal ja, da haderte ich mit mir selbst, wenn ich meine ästhetisch-künstlerischen Interessen nicht so zeit-offen nachgehen konnte. Aber das ist ein Konflikt, der mich schon lange vor der Pensionierung begleitete, und immer eine Art Selbst-Provokation darstellte, auf die ich oft mit Schmunzeln reagierte: Hab ich doch selbst zu vertreten.

Büro vs. Homeoffice, Gehalt vs. Rente, junge Kollegen vs. Senioren – wie haben sich die Rahmenbedingungen für Sie verändert?

Diese Gegenüberstellungen waren für mich nicht entscheidend, sind es für mich nicht. Den Generationenwechsel habe ich als ´Mittelbauer´ an der FU-Berlin, in Fachhochschulen Berlins, als ordentlicher Professor in Wien, Gastprofessor in Basel, Sao Paolo, Klagenfurt etc. schon länger miterlebt und mit betrieben. Auch Personalpolitik als Dekan des FB09 bereitet einen darauf vor, irgendwann als finanzielle Position im Stellenplan verhandelt zu werden. Das ist die Schule, in die man geht, wenn man sich innerhalb einer der wichtigsten Institutionen der Moderne bewegt: der Universität. Mein Büro ist schon länger über Desktop und Schreibtisch definiert, egal wo letzterer steht. Das schließt nicht aus, sich ´einzurichten´ und ´wohlfühlen´ zu wollen. Aber Homeoffice war in den 30 Jahren Lehre sehr oft Hoteloffice, Mitropa- und Lounge-Office, Zug-Office. Was sich sehr deutlich mit der Pension verändert hat ist der Rahmen der Dienstpflicht. Ich muss (und darf nicht) aktiv an der Institutspolitik, den Fachbereichsdebatten o.ä. teilnehmen. Das ist einesteils ein Gewinn an Zeit und Stressressourcen, ist aber manchmal auch schwierig, da ich gerne mitmischen würde. Aber: es geht nicht. Und so suche ich produktive Wege, diese Gestaltungslust nicht in Unlust verkümmern zu lassen.

Wenn Sie an Ihre allererste Vorlesung als Dozent zurückdenken und sie mit heute vergleichen: Was hat sich für Sie grundlegend in Ihrer Lehrtätigkeit gewandelt?

Das ist ganz einfach: meine erste Vertretungsprofessur hatte ich an der Evangelischen Fachhochschule in Berlin-Dahlem. Im Wintersemester 1979/80 vertrat ich die Professur für Politische Soziologie von Walter Hollstein. Und das wurde zur ersten Provokation: strickende Männer. Über Jahre setzte sich dies fest. Männer strickten, Frauen notierten, schrieben mit oder halfen ab und an, wenn den jungen Männern ´ne Masche runter gefallen war. Das Argument war immer: so können wir uns besser konzentrieren. Klar, heute wird nicht mehr gestrickt. Aber es ist nicht das, was unterscheidet. Eher ist es die habituelle Unruhe, die heute Vorlesungen und Seminare prägt. Damit meine ich jener fast in Sekundeneinheiten erfolgende Wechsel von Bleistift zu Smartphone zu Kaffeebecher zu Computer zu Kugelschreiber zu Nachbarin zu Smartphone zu Papiersuche zu Kopf aufstützen zu I-Phone (um hier keine einseitige Werbung zu machen) zu einer Nachfrage zu einem Kommentar zur Notiz auf dem Papier oder im Rechner. Kurios ist, dass dies den Studierenden kaum oder gar nicht auffällt, sondern erst im Gesamtbild einer Vorlesung den Eindruck eines stillen, aber nervösen Systems erzeugt. Würde mich interessieren, wie dies andere erleben. Grundlegend gewandelt hat sich in dieser Zeit noch etwas anderes: die Lehre ist verregelter, standardisierter geworden.

Wenn Sie an Ihre Zuhörer von heute und damals denken: Wie hat sich das Bild der Studierenden verändert, das Sie wahrnehmen, wenn Sie in den Hörsaal blicken?

Man kann sicher über Generationen von Studierenden nachdenken, oder sie nach Jahrgangskohorten einteilen. Klar hab ich auch manchmal den Gedanken, dass sich die Studierenden ´von heute´ von denen gestriger akademischer Jahre unterscheiden. Aber das ist nicht verwunderlich. Zum einen werde ich auch älter, verändere meine Sichtrichtung und Blickweisen auf die Welt, verändere meine Realitätskonzepte, meine emotionale oder affektive Beteiligung an Lehre, Forschung, Diskussionen. Zum anderen sind Jugendkulturen, Musik und Mode, Schulkulturen, Bildungs- und Wissensmoden so stark, dass es keineswegs ausbleibt, mit immer neuen Varianten von Aufmerksamkeit, Interesse und Desinteresse zu tun zu haben. In der großen Summe hat sich aber die Normalverteilung von exzellenten Studieninteressierten, begeisterten, ausbildungsorientierten und mitnehmenden Studierenden nicht geändert über die Jahre. Und die Hörsäle sind Hörsäle geblieben, auf Frontalunterricht bezogen, mit aktueller elektronischer Präsentationstechnik ausgestattet, die auch wieder die Front erzeugt, die erste Reihe bleibt im Hörsaal immer noch frei (was schon fast als eine verborgene Gesetzmäßigkeit gilt und im stillen Konsens bedient wird, unabhängig von Tages-, Jahreszeit, vom Alter der Studierenden).

An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Ich befasse mich derzeit mit verschiedenen Fragestellungen. Ganz oben auf der Liste steht die Frage danach: Wie müssen wir Demokratie neu denken? Das heißt in welcher Weise belastet die machtvolle Geopolitik der Plattform-Medien (Facebook, Google, Amazon, … Alibaba ) das europäische Modell der repräsentativen Demokratie? Lässt die datentechnologische Geopolitik Demokratie leerlaufen, bedroht oder zerstört sie diese. Damit verbinde ich die Frage nach Projekt-Demokratie als Modell der Open-Source, Open-Society, Open-Culture-Aktivitäten. Gekoppelt ist dies an ein Buchprojekt. Damit verbunden sind Kooperationszusammenhänge mit Universitäten und mittelständischen Unternehmen, die sich den Problemen veränderter Kommunikationsbedarfe, -fähigkeiten und -strukturen widmen. Höchst interessant. An zweiter Stelle stehen Forschungs- und Theoriefragen, die sich mit der kognitiven Revolution durch visuelle Interfaces, durch Games, Mixed Realities (aus Virtual, Artificial, Augmented Realities) befassen, also mit der methodischen Wahrheitsmodellierung, die wir sekündlich durch Medien aufnehmen und als fraglos akzeptieren (Beispiel: Bildgebende Verfahren) Dies ist ein mehrnationales Projekt. Aus dem Kontext der Arbeiten zu digitaler Medienentwicklung heraus wurde ich vor drei Jahren zum 1.Vorstand des Instituts für Neue Medien / INM Frankfurt gewählt. Drittens geht es mir um die Gestaltung der Zusammenhänge von Medien, Demokratie, Bildung. In diesem Kontext arbeitend, wurde ich am 28. Februar 2018 zum Vorsitzenden des Grimme-Forschungskuratoriums gewählt. Gerade die mittelfristigen Ausrichtungen der sich digitalisierenden öffentlichen Medien spielen bei der genannten Arbeitsfrage eine wichtige Rolle. Viertens habe ich mich ´überreden´ lassen, bei der Gründung eines „Vilém Flusser Instiuts´ in Berlin mitzumachen. Es ist nahe am Flusser-Archiv der FU gegründet worden, vermittelt über Steffi Winkler. Ziel ist es, nicht nur in 2 Jahren den 100. Geburtstag von V.F. zu begehen, sondern einige seiner medienwissenschaftlichen Fragestellungen aufzugreifen und weiter zu führen.

Gelingt es Ihnen als Seniorprofessor viel mehr Zeit mit Dingen zu verbringen, die nicht mit Ihrer Profession zu tun haben? Haben Sie in der frei gewordenen Zeit neue Leidenschaften für sich entdeckt?

Neue Leidenschaften nicht, aber alte: ich zeichne und male mehr, verreise etwas häufiger, versuche, alte Freundschaften stärker mit zu tragen, in der Dankbarkeit, dass diese als ´alte Freundschaften´ immer noch existieren. Und es fällt mir auf, dass ich gelassener als früher aus Texten, an denen ich gerade arbeite, ´aussteigen´ kann.

Wann ist Schluss?

Das werde ich erst im Rückblick beantworten können. Ein Datum in der Zukunft zu benennen, hieße, mich einem Ende zu verpflichten. Das kann ich nicht. Institutionell wird es sicher dieses Datum geben. Derzeitiger Vertrag geht bis September 2019. Alles andere ist offen. Wie sich meine Projekte, die Kooperationsnetzwerke, die Forschungsvorhaben entwickeln werden, ist derzeit nicht vorherzusagen. Ich freue mich darüber, dass so viele Menschen daran beteiligt sind, und diese zusammen bestimmen, was möglich ist und wahrscheinlich gemacht werden kann.