Wer sind eigentlich die knapp 30 Seniorprofessorinnen und –professoren an der Goethe-Universität, die sich auch nach ihrer Pensionierung noch in der Lehre engagieren? In einer mehrteiligen Serie werden sie hier vorgestellt. 

Um die Betreuungsrelationen zu verbessern und ein zusätzliches hochqualifiziertes Lehrangebot anbieten zu können, besteht seit Ende 2009 an der Goethe-Universität die Möglichkeit, Seniorprofessuren einzurichten. Pensionierte oder emeritierte Professorinnen und Professoren der Goethe-Universität oder anderer Universitäten mit ausgewiesener Lehrkompetenz kommen für eine Seniorprofessur infrage und können somit auch nach ihrer Pensionierung weiterhin in der Lehre tätig sein. Das Lehrdeputat liegt zwischen vier und acht Semesterwochenstunden und schließt die Verpflichtung zu prüfen ein.

Teil 3 – Prof. Bernhard Rank

 

Prof. Bernhard Rank (74) ist seit dem Wintersemester 2017/18 Seniorprofessor am Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität. Sein Lehrdeputat beträgt acht Semesterwochenstunden.

 

 

Herr Prof. Rank, wie kam es zu der Entscheidung für eine Seniorprofessur und was war Ihre Motivation, sich für weitere Lehrjahre an der Goethe-Uni zu entschieden, statt Ihre freie Zeit zu genießen?

Der Entscheidung lag eine Anfrage aus dem Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik zugrunde. Dort sind einige Stellen nicht besetzt und zugleich ist der Lehrbedarf aufgrund der erhöhten Zulassungszahlen (vor allem im Lehramt Grundschule) deutlich angestiegen. Mit der Leiterin der Abteilung für Didaktik hatte ich früher schon fachlich erfolgreich und kollegial zusammengearbeitet; deshalb fiel die Entscheidung nicht schwer. Dazu kam, dass ich mich seit der Versetzung in den Ruhestand im Jahre 2009 immer wieder auch fachlich engagiert hatte: in Publikationen, bei Tagungen und Vorträgen im lokalen Kontext. Zuletzt hatte ich die Arbeit von Ehrenamtlichen organisiert und fachlich betreut, die im Bereich des Sprachunterrichts für Flüchtlinge und Migranten engagiert waren. Aufgrund des dort stark nachlassenden Bedarfs waren wieder Kapazitäten für sinnvolle Tätigkeiten in meinem Fach (Didaktik der deutschen Sprache und Literatur) frei. „Freie Zeit“ ohne entsprechende geistige und kommunikative Herausforderungen kann ich mir auch nach 10 Jahren im Ruhestand noch nicht vorstellen. Das hält lebendig, beweglich und gehört für mich zu einem erfüllten Leben. Dazu kommt, dass mir die Lehrtätigkeit an der Goethe-Universität die Möglichkeit bietet, die Ergebnisse und Erfahrungen meiner bisherigen Lehre nach einer „Pause“ von fast 10 Jahren nochmals unter einer veränderten Perspektive zu aktualisieren und neu „auf den Punkt“ zu bringen.

Gab es Situationen, in denen Sie Ihre Entscheidung bereut haben?

Ein klares und entschiedenes „Nein“. Diese Antwort ist auch bedingt durch die perfekten Rahmenbedingungen, die mit der Tätigkeit an der Goethe-Universität Frankfurt verbunden sind: Lehrverpflichtungen konzentriert auf 2 Tage, relativ gute Zugverbindung von Reutlingen nach Frankfurt und günstige Übernachtungsmöglichkeiten. Dazu kommt die überaus kompetente und freundliche Unterstützung durch die Kolleginnen und Kollegen des Faches, durch die Sekretariate und durch die EDV-Abteilung samt Haustechnik.

Büro vs. Homeoffice, Gehalt vs. Rente, junge Kollegen vs. Senioren – wie haben sich die Rahmenbedingungen für Sie verändert?

Im Unterschied zur doch relativ einsamen Tätigkeit am häuslichen Computer genieße ich die Kontakte, die Gespräche und den intensiven fachlichen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen der Abteilung „Didaktik“ des Instituts für Deutsche Literatur. Ich nehme auch regelmäßig an deren wöchentlich stattfindenden Kolloquium zu Fragen der Forschung und der Lehre teil, finde dort auch Resonanz mit meinen langjährigen fachlichen und hochschuldidaktischen Erfahrungen an verschiedenen Pädagogischen Hochschulen des Landes Baden-Württemberg, wo ich von 1974 bis 2009 zunächst als Dozent, dann als Professor tätig war. Insofern wirkt sich der Altersunterschied meiner Einschätzung nach für beide Seiten positiv aus. Zurechtkommen müssen meine Frau und ich während der Vorlesungszeit auch mit den eingeschränkten Möglichkeiten für gemeinsame Unternehmungen. Im Gegensatz zu der Tätigkeit im Ehrenamt bin ich weniger flexibel in meinem Zeitbudget, zumal ich – auch aus eigenem Interesse – relativ viel Zeit in die Vorbereitung der Lehrveranstaltungen investiere.

Wenn Sie an Ihre allererste Vorlesung als Dozent zurückdenken und sie mit heute vergleichen: Was hat sich für Sie grundlegend in Ihrer Lehrtätigkeit gewandelt? Wie hat sich das Bild der Studierenden verändert, das Sie wahrnehmen, wenn Sie in den Hörsaal blicken?

Die Situation von 1974 (mein erstes Jahr an einer Hochschule) kann man kaum mit der heutigen Situation vergleichen. Die Lehrerbildung befand sich im Aufbruch: zum einen durch den Ausbau und die allmähliche Aufwertung der Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg (bis hin zur Verleihung des Rechts zur Habilitation), zum anderen durch die pädagogischen und fachlichen Reformbewegungen (die berühmten „70-er Jahre“ – mit intensiven Auseinandersetzungen z.B. um die Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre und für das Fach Deutsch). Im Gegensatz zu heute war das Studium auch lange nicht so verschult und das Engagement der Studierenden (für Belange des Studiums und für die (bildungs-)politischen Zusammenhänge) deutlich höher. Die Leistungsanforderungen damals empfand ich als höher, weil bei der einzigen Prüfung am Ende des Studiums recht hohe Anforderungen gestellt wurden und weil viele Praktika zu absolvieren waren (Tagespraktika in jedem Semester, dazu eine Reihe von Blockpraktika in den Semesterferien). Heute geht es, zu meinem Leidwesen, in den Lehrveranstaltungen zunächst um die Zuordnung zu den Modulen und die Bedingungen für die Vergabe der Credits, in zweiter Linie dann erst um das Interesse für die Inhalte.

Auch die Bereitschaft, zusätzlich zu den 2 Stunden für eine Lehrveranstaltung Zeit für Vertiefung und Vorbereitung zu investieren, ist deutlich geringer. Ich spreche hier vom damals und heute erfahrenen „Durchschnitt“, nicht von einzelnen Ausnahmen, die es damals wie heute natürlich gab und gibt. Die Veränderung der Rahmenbedingungen des Studiums durch den sog. „Bologna-Prozess“ hat meiner Erfahrung nach dazu geführt, dass die Studierenden (im Durchschnitt) unselbstständiger und unkritischer geworden sind und wenig eigene Interessen entwickeln. Dem versuche ich natürlich entgegenzuwirken und so allmählich spricht sich das auch herum. Das führt dazu, dass zu den Veranstaltungen, die nicht zum vorgeschriebenen Pflichtprogramm (in der Regel mit abschließender Klausur) gehören, vermehrt Studierende kommen, die sich für das Thema interessieren und mein hochschuldidaktisches Konzept, das bewusst auf Eigenständigkeit setzt, schätzen.

Was mir im Unterschied zur Situation bis zur Jahrtausendwende auffällt: im Kollegium gibt es weniger Meinungsaustausch und Diskussionen um Studieninhalte und Studienorganisation. Da ist eine gewisse Erschöpfung eingetreten und man scheint froh zu sein, wenn die Module festgelegt sind (in der Regel von einzelnen Vertreter/-innen in den entsprechenden Kommissionen), an die man sich bei der Planung des Veranstaltungsangebots halten kann. Und wie schon angedeutet: Aufgrund der relativ hohen Verpflichtung an zu belegenden Semesterwochenstunden verringern sich die Anforderungen, weil nicht mehr viel an zusätzlichen Leistungen (z.B. Lektüre von Primärtexten und von Fachliteratur) verlangt werden kann.

Außer den inhaltlichen Faktoren sind natürlich auch die Faktoren zu nennen, die den „Lehrbetrieb“ heute mit bestimmen; vor allem die Digitalisierung mit all den positiven Möglichkeiten: Geräteausstattung der Räume, Lernplattformen mit entsprechenden Kommunikationsmöglichkeiten, Kontakt über E-Mail (leider zum Nachteil der Beratung in den Sprechstunden) … Ein gewisser Nachteil: Die Studierenden erwarten eine „Rundumversorgung“ und sind kaum mehr in der Lage, eigenständig zu recherchieren und sich selbst um ihre Lernressourcen zu kümmern.

Da ich die Veränderungen im Lehramtsstudium bereits ansatzweise kennengelernt habe (im Jahr 2009 hatten sie sich schon deutlich abgezeichnet), blicke ich eigentlich in bekannte Gesichter. So groß ist der Unterschied – bis auf die zunehmende Altersdifferenz – nicht. Die Befürchtung aber, die heutigen Studierenden würden mich deutlich als „Senior“ wahrnehmen, haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Es gibt – im Gespräch und auch in den Evaluationen – deutliches Interesse an meinen Erfahrungen beim Umgang mit Literatur im Studium und in der Schule und viele bedauern es, dass ich schon wieder aufhöre, bevor man sich ganz auf mich einlassen kann (z.B. bei der Studienberatung und bei Prüfungen). Auch mir wird der Kontakt zu einer neuen Generation von zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern fehlen.

An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Mit meiner Kollegin, Prof. Dr. Cornelia Rosebrock, erarbeite ich derzeit ein neues Konzept für eine Einführung in die Literaturdidaktik. Es wird im kommenden Wintersemester zum ersten Mal in zwei Veranstaltungen, die wir parallel anbieten, erprobt, dann auch revidiert und den Kolleginnen und Kollegen des Faches zur Verfügung gestellt. Damit ist dann auch Schreibarbeit verbunden, denn das Konzept soll als Grundlagenliteratur für das Studium veröffentlicht werden.

Gelingt es Ihnen als Seniorprofessor viel mehr Zeit mit Dingen zu verbringen, die nicht mit Ihrer Profession zu tun haben? Haben Sie in der frei gewordenen Zeit neue Leidenschaften für sich entdeckt?

Da ich die Tätigkeit als Seniorprofessor im Unterschied zu einer 9-jährigen Zeit im Ruhestand erlebe, ist für mich nicht Zeit frei geworden, sondern der für sonstige Aktivitäten (z.B. aktiv Musik betreiben, reisen, Vorträge im Reutlinger Kunstmuseum und in der Bibliothek halten) verfügbare Zeitrahmen ist enger geworden. Daher auch der Entschluss, die Tätigkeit nicht nochmals zu verlängern.

Wann ist Schluss?

Definitiv nach dem Wintersemester 2018/19. Der Hauptgrund: Die Zeit schreitet voran und damit auch das Alter (dann bin ich 75). Und ich möchte, vor allem im Sommer, frei sein von der regelmäßigen Verpflichtung, die meiner Frau und mir z.B. eine längere Reise außerhalb der Ferienzeiten möglich macht.