Vor einem halben Jahr haben wir Erstis zum digitalen Uni-Start befragt. Tagesfüllende Online-Vorlesungen und die Goethe-Uni im Bildschirmformat kannten alle, den Campus live und echte Mitstudierende nur die wenigsten. Nun haben wir noch einmal nachgehakt. Hat sich etwas geändert?

Shayenne Wiens, 19
2. Semester Rechtswissenschaft

Wenn sich der Erfolg eines Studiums allein an Zahlen ermessen ließe, fiele Shayennes Bilanz bereits positiv aus. Null Campusbesuchen und einem lockeren privaten Kontakt mitten im Wintersemester stehen inzwischen vier Unibesuche, eine intensiv arbeitende Lerngruppe, die sie selbst vorgeschlagen hat, und eine Kommilitonin gegenüber, mit der sie sich in ihrer Freizeit trifft. Aber was sind Zahlen gegen das Gefühl, zum ersten Mal den Campus zu betreten: „Ich war sehr überwältigt“, sagt die Jurastudentin spontan. Sehr schön, sehr groß und natürlich noch fremd, so beschreibt sie das Unigelände im Westend, aber das Wichtigste: Sie habe sich sofort „zugehörig gefühlt“. Das erste Mal reiste sie aus ihrem Wohnort Fulda vor den Klausuren an, um die Wege zu den Prüfungsorten vorab zu erkunden. Das zweite Mal war sie am Prüfungstag selbst auf dem Campus. Das dreistündige Maskentragen während der Klausur fällt für sie im Rückblick kaum ins Gewicht gegenüber der Erfahrung, einmal ein Semester von Anfang bis Ende, sprich: Prüfungen inklusive, absolviert zu haben. „Nun weiß ich, wie das mit den Klausuren läuft“, klingt sie erleichtert. Den Plan aus Vor-Coronazeiten, in ein Studienwohnheim ziehen, hat Shayenne noch nicht aufgegeben. Aber erst einmal braucht es: Präsenz. Und, dürfte sie sich etwas wünschen, eine nachgeholte Erstiparty. „Ganz viele kennenlernen“, sagt sie, „das wäre schon cool“.

Malin Potengowski, 18
2. Semester Empirische Sprachwissenschaft
und Germanistik

Wer mit Malin spricht, erfährt gute Gründe gegen Hybridveranstaltungen. Weil der Hebräischkurs in Präsenz, der Niederländischkurs direkt im Anschluss aber online angeboten wurde, absolvierte Malin Niederländisch bei zunehmend winterlichen Temperaturen auf einer Bockenheimer Parkbank. Die Umstellung auf „Komplett-Online“ seit dem Jahreswechsel empfand er deshalb geradezu als „Glücksfall“. Inzwischen hat Malin in einen guten Studienrhythmus gefunden, durch ein Tutorium ein wenig Unigefühl entwickelt und ist durch alle Prüfungen „gut durchgekommen“ – wenn es nach ihm ginge, erklärt er, könne es bis zum Ende seines Studiums virtuell weitergehen. Unruhig wurde es nur noch einmal vor dem Sommersemester, als Malin bei der Semesterplanung Fachberatung gebraucht hätte. „Ernüchternd“ nennt er, dass ein Termin erst zu Semesteranfang zustande kam. Da hatte er sich schon selbst in die Tiefen der Prüfungsordnung vorgearbeitet und per Excel-Tabelle Kombinationen der Semesterplanung durchgespielt. Deshalb sein Tipp für den Studienstart: Mit Erstis in Kleingruppen ganz konkret Studienpläne für die ersten Semester entwickeln. Das Thema „Leute richtig kennenlernen“ – noch nicht gelöst – wäre damit auch gleich abgedeckt.

Mark Haacke, 44
2. Semester Rechtswissenschaften

Mark Haacke ist einer der wenigen seines Studierendenjahrgangs, der weiß, wie es sich in Präsenz studiert. Sein erstes Studium, Maschinenbau, liegt rund 20 Jahre zurück. Zum 100prozentigen Online-Studium hat er deshalb eine klare Meinung: „Der Lerneffekt ist drastisch weniger stark.“ Wenn Lehrende einfach eine Kamera aufstellten und die Vorlesung hielten wie immer, sei dies eine „echte Herausforderung“. Was da bei den Studierenden an Aufmerksamkeit verloren ginge, müsse mit hohem Zeitaufwand ausgeglichen werden. Kein Verständnis hat er auch dafür, dass es in seinem Fach nicht genug Tutorien für alle Studierenden gibt, manche mit mehr als 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern völlig überbelegt sind. Zum Glück gebe es einige Lehr-Leuchttürme, „die sehr schnell sehr gut verstanden haben, wie sie Wissen vermitteln können“. Zum Beispiel in Videos verpackt und mit kollektiven Sprechstunden zum Nachfragen und Diskutieren. Dennoch: Mark hofft auf Präsenzseminare, um beim Studieren wieder einmal „komplett da“ zu sein. „Und wenn das Seminar draußen auf der Wiese ist!“

Kevin Saukel, 20
3. Semester Erziehungswissenschaften und 1. Semester Informatik

Ein Doppelstudium UND Krise? Zu riskant, entscheidet Kevin vergangenen März. Nun liegen bereits drei Semester seines Studiums hinter ihm – also „Online-Lernformat-Routine“ bei Vorlesungen, Seminaren, Hausarbeiten plus wenigen Campus-Besuchen und eine ebenso überschaubare Zahl an Kommilitonen- Kontakten. „Im Grunde ist schon die Hälfte herum“, sagt er ernüchtert. Für ihn der Grund, doch noch seine Idee des Doppelstudiums umzusetzen – und damit zwei ziemlich gegensätzliche Fachsphären kennenzulernen. Im neuen Informatikstudium sind mehrere Hundert Mitstudierende bei Vorlesungen zugeschaltet, die Kacheln auf dem Bildschirm bleiben schwarz, und es gibt den expliziten Aufruf „Bildet Lerngruppen!“ – was beim Kennenlernen tatsächlich geholfen hat. In seinem Erststudium Erziehungswissenschaften sei dagegen individuelles Lernen die Regel. Dafür bleiben aber in den Seminaren viele Kameras an – und es wird lebhaft diskutiert. Statt an ihren Gesichtern (zu winzig) erkennt Kevin Mitstudierende an Stimme und Gestik. „Ich wünsche mir mehr Mut zum Scheitern“. Oder anders formuliert: mehr Mut bei Lehrenden für neue Formate. Warum nicht mehr davon – „mehr exploratives Lernen, mehr Barcamps, mehr Kurzumfragen, mehr Lehrund Lerntools“?

Ann-Sophie Adler, 28
3. Semester American Studies und Erziehungswissenschaften

In manchen Whatsapp-Gruppen kursiere zwar Unmut über die Mühen des Online-Studiums, sagt Ann-Sophie, aber eines will sie gleich klarstellen: „Ich finde das Online-Studium super.“ Als Pendlerin aus Heppenheim spare sie viel Zeit, technische Probleme seien längst ausgeräumt, die Lehrenden ziemlich kreativ. Und als Mutter eines vierjährigen Sohnes mit Kitabesuchen im On-Off-Modus leide sie keineswegs unter einem unterstruktierten Tagesablauf. „Insgesamt läuft das Studium besser als gedacht“, kommentiert Ann-Sophie. Nur vor den ungewohnten Online-Klausuren sei sie „total nervös“ gewesen. Ihre Hauptsorge galt der Internetverbindung. Bleibt sie stabil? Sie blieb es.

Positiv auch ihre Bilanz der sozialen Kontakte: Durch Whatsapp-Gruppen zu einzelnen Kursen seien zwar (noch) keine Freundschaften entstanden, aber sie freue sich, wenn sie in neuen Kursen auf bekannte Gesichter stoße. Dennoch: „Es wäre schön“, sagt sie, „wenn ich nächstes Sommersemester auf dem Campus studieren könnte“ – auch um vielmehr Mitstudierende kennenlernen zu können. Für einen Englischtest war sie vor ihrem Studium schon einmal (!) auf dem Unigelände. „Da habe ich diesen richtig wunderschönen Campus gesehen.“

Iris Schultheis, 25
3. Semester im Masterstudiengang »Deutsche Literatur«

Natürlich hätte Iris in Mainz, wo sie Germanistik und Politikwissenschaften studiert hat, wohnen bleiben und pendeln können. „Aber wenn ich richtig studieren will, dann ziehe ich auch dorthin.“ Von ihrem Erststudium weiß sie, was dazugehört: „Auf dem Campus sein, in die Bibliothek gehen, Leute treffen.“ Damit sie den Campus wenigstens einmal gesehen habe, hat sich Iris am Anfang selbst einen Uni-Rundgang verordnet. Was aber am schwersten wiege: „Beim Studium fehlen Gespräche mit den Mitstudierenden und auch mit den Lehrenden.“ Nach drei Online-Semestern – „technisch funktionieren sie immer besser“ – fällt es ihr deshalb schwer, eine Betreuerin für ihre Masterarbeit zu finden. Was sie aber freut: Nach intensiver Suche hat sie einen Job im Schreibzentrum gefunden. Überhaupt hat Iris für möglichst viele Kontakte gesorgt: Kurse im Hochschulsport belegt, sich an studentischen Projekten wie der Literaturzeitschrift Johnny oder z. B. den Autonomen Tutorien des Asta beteiligt – alles online. Sie denkt deshalb darüber nach, etwas länger zu studieren – damit sie ihr letztes Semester und das ausstehende Praktikum tatsächlich vor Ort erleben kann.

Mert Satar, 21
2. Semester Wirtschaftswissenschaften

Es ist noch nicht lange her, da ist Mert aus einer bayerischen Kleinstadt nach Frankfurt gezogen. Knapp 400 Kilometer entfernt, nichts als den Bildschirm vor Augen – das ging bei ihm gar nicht. Nun hat er einen Platz in einem Frankfurter Studentenwohnheim gefunden – um sich „gefühlt jeden Tag“ in die Bibliothek aufzumachen. Lernen vor Ort auf dem Campus – das geht. Um Tisch und Stuhl in der Bibliothek muss er allerdings montagnachts bei der Reservierung für die kommende Woche kämpfen. „Ab null Uhr ist der Server nämlich erst einmal für eine halbe Stunde down.“ Dass er bislang erstens immer einen Sitzplatz in der Bibliothek ergattert, zweitens eine Lernpartnerin gefunden hat und es drittens in seinem Fach Tutorien und Sprechstunden quasi im Überangebot gibt, nennt er als Gründe dafür, dass er bislang gut durchs Studium durchgekommen ist. In den Lernpausen vor Ort in der Bibliothek gab es sogar schon Live-Kontakte. „In der Pandemie sind alle super motiviert, Leute kennenzulernen.“ Nur manchmal kommt er ins Grübeln – wenn ältere Semester von den Zeiten des supercoolen Präsenzstudiums schwärmen. Dann fragt er sich, ob die er und seine Uni-Online-Generation nicht doch das wahre Studentenleben gerade verpassen.

Nicht alle, die wir damals befragt hatten, wollten noch einmal Auskunft geben. Diejenigen, die jetzt über ihre Erfahrungen der letzten Monate berichtet haben, vermitteln den Eindruck: Nach drei Semestern Uni im Kachelformat sind die meisten Studierenden im Onlinestudium angekommen. Sie kennen ihre maximale Zoom-Konzentrationsdauer, benutzen Apps für Notizen und sind Experten für Lerngruppen auf Abstand. Die Anzahl ihrer Campusbesuche lässt sich noch immer an einer Hand abzählen. Viele wohnen noch oder wieder zu Hause, weshalb sie mit Ersparnissen, elterlicher Unterstützung und „etwas“ BAföG über die Runden kommen. Andere haben 450 Euro-Jobs im Supermarkt gefunden, drei unserer Ansprechpartner*innen finanzieren sich durch Stipendien oder Hiwi-Jobs. Für manche, die das Ende ihres Studiums schon vor Augen haben, könnte es nun so weitergehen. Andere aber vermissen es jeden Tag: das Echte Uni-Feeling. Und hoffen auf einen offenen und ganz außergewöhnlich belebten Campus – bald.

Pia Barth

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 3/2021 (PDF) des UniReport erschienen.