„Frankfurter interdisziplinäre Live-Debatte“: Binnensolidarität reicht nicht aus

Neustart für die „Frankfurter interdisziplinäre Live-Debatte“ am 12. Mai: Zum Auftakt einer Serie von Podiumsdiskussionen ging es um die „Zukunft der Solidarität“ im Zeichen der Corona-Pandemie. Was nimmt man mit aus zwei Jahren Krise, fragte Moderatorin Doris Renck vom hr in die Runde. „Ich würde mir wünschen, dass wir in der Zukunft auf der Grundlage besserer Daten agieren können. Deutschland ist oftmals sehr kleinstaatlich aufgestellt. Ein Land wie Großbritannien steht in dieser Hinsicht datenmäßig besser da“, sagte Prof. Stefanie Dimmeler (Cardio-Pulmonary Institute und Goethe-Universität). Ihr Kollege Prof. Klaus Günther („Normative Ordnungen“) gab zu bedenken, dass die Gesellschaft aufpassen müsse, dass es nicht zum Missbrauch von Daten komme; auch sei eine „Gesundheitsdiktatur“ nicht erstrebenswert.

Das Verhältnis von Freiheit und Lebensgefährdung sei ein langwieriger Prozess der Abwägung. Prof. Nicole Deitelhoff (HSFK und „Normative Ordnungen“) betonte: „Wir schulden einander Achtsamkeit, nicht nur uns selbst. Ich bin aber pessimistisch bezüglich der internationalen Achtsamkeit. Die Binnensolidarität steigt gegenwärtig, die Solidarität mit anderen Staaten schrumpft aber gerade.“ Deitelhoff stellte den Vorschlag in den Raum, die Militärausgaben für ein Jahr lang umzulenken. Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen (SAFE) hielt von der Idee, die Produzenten von Impfstoffen stärker zur Kasse zu bitten, nichts. „Dann haben wir irgendwann keine Leute mehr, die Impfstoffe entwickeln und produzieren.“ Grundsätzlich müsse die Reaktionsgeschwindigkeit der Gesellschaft erhöht werden, um mit solchen Krisen umzugehen. Impfzentren vorab zu bauen, ohne zu wissen, ob man sie später wirklich auch braucht, sei nicht sehr sinnvoll. Prof. Rainer Forst („Normative Ordnungen“) betonte, dass es historisch sehr außergewöhnlich sei, dass die Gesellschaft erfolgreich den „Normalmodus“ unterbrochen habe. Angesichts einer weltweiten Corona- Pandemie müsse die Gesellschaft aber auch noch lernen, global zu denken.

Organisiert worden war die Debatte vom Exzellenzcluster Cardio-Pulmonary Institute, dem Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), dem Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt und dem Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE („Sustainable Architecture for Finance in Europe“).

Mitschnitt der Veranstaltung auf YouTube.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 3/2021 (PDF) des UniReport erschienen.

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