Dr. Stephanie Dinkelaker (Abt. Lehre & Qualitätssicherung; links) und Vizepräsidentin Prof. Tanja Brühl sind begeistert vom Engagement der Studierenden. Foto: Lecher

Dr. Stephanie Dinkelaker (Abt. Lehre & Qualitätssicherung; links) und Vizepräsidentin Prof. Tanja Brühl sind begeistert vom Engagement der Studierenden. Foto: Lecher

Welchen sinnvollen Beitrag kann die Goethe-Universität für die Integration von Flüchtlingen leisten? Nach dem Academic Welcome Program, das geflüchteten jungen Menschen einen vereinfachten Zugang zu einem kostenlosen Gasthörerstudium ermöglicht, startete jetzt das zweite große Hilfsprojekt, „Start ins Deutsche“. Initiiert von Vizepräsidentin Prof. Tanja Brühl, Dr. Kerstin Schulmeyer-Ahl und Dr. Stephanie Dinkelaker aus der Abteilung Lehre und Qualitätssicherung, haben Expertinnen und Experten für Deutsch als Fremd-/Zweitsprache (DaF/DaZ) und weitere Lehrende über 100 Studierende ehrenamtlich im Schnellverfahren geschult. Diese bringen den Flüchtlingen nun Deutsch bei, ebenfalls ehrenamtlich. Zwischenbilanz: Die Studierenden sind voll Engagement dabei – und fragen schon jetzt nach der Verlängerung des Pilotprojekts. Die Redaktion der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum sprach mit Prof. Tanja Brühl über die Umsetzung im Schnellverfahren und erste Erfahrungen.

GoetheSpektrum: Frau Prof. Brühl, eigentlich ist ja eine richtige Ausbildung nötig, um Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten. Sie haben trotzdem den pragmatischen Sprung ins kalte Wasser mit dem Pilotprojekt gewagt. Wie sind die bisherigen Erfahrungen?
Prof. Tanja Brühl: Größtenteils sehr positiv. ‚Größtenteils‘ deshalb, weil wir nicht so schnell anfangen konnten, wie eigentlich geplant – Hallenbetreiber hatten gewechselt, Schulungsräume fehlten noch und so weiter – sodass erst seit Anfang Februar die Deutschkurse an allen Standorten laufen; fast einen Monat später als gedacht. Die Studierenden aber, mit denen ich Kontakt hatte und die schon unterrichten, sind begeistert, hoch motiviert und fragen jetzt schon, wie es nach der Pilotphase weitergeht. Sie haben viel Spaß am Unterrichten, auch wenn es teilweise eine Herausforderung ist, zumal nicht alle Geflüchteten alphabetisiert sind.

Wie ist es gelungen, das Projekt auf die Beine zu stellen und die Studierenden in so kurzer Zeit für diese anspruchsvolle Aufgabe fit zu machen?
Ende September hatte ich mich mit einem Rundschreiben an die Lehrenden der Goethe-Universität gewandt und angefragt, wer Kenntnisse und Interesse hätte, das geplante Projekt als Didaktikerin, Didaktiker oder Supervisor zu unterstützen. Es war großartig: Knapp 50 Rückmeldungen kamen aus den verschiedensten Bereichen, teilweise meldeten sich auch noch Freunde oder Verwandte aus dem Umfeld der Lehrenden, die mitmachen wollten. Am Ende stand ein Team von rund zwei Dutzend Personen. Im Anschluss haben wir uns an die Studierenden gewandt, um diese als „Deutschlehrende“ zu gewinnen: Überwältigende 1.500 Personen haben sich bei uns gemeldet, die gerne mitmachen wollten, aus denen wir dann 100 Studierende ausgewählt haben.

Wir haben uns dann zusammengesetzt und das Konzept für die zweitätige Schulung entwickelt. Klar war, dass es eine Einheit geben musste zu Didaktik und dazu, wie Deutsch als Fremdsprachenerwerb funktioniert, aber durch Anregungen der Lehrenden haben wir das Programm noch erweitert um andere Aspekte. Hinzu kam zum Beispiel ein Vortrag zum rechtlichen Status der Geflüchteten – die meisten sind ja noch in der Vorstufe der Erstaufnahme.

„Überwältigend 1.500 Personen haben sich bei uns gemeldet, die gerne mitmachen wollten, aus denen wir dann 100 Studierende ausgewählt haben.“ Prof. Tanja Brühl

Auch die Sensibilisierung der Studierenden für mögliche Traumatisierungen der Geflüchteten, die vor Bürgerkrieg und anderen schrecklichen Situationen geflohen sind, war Thema und lässt sich vereinfacht festmachen an dem Merksatz „Frage nicht nach der Fluchtursache“. Prof. Ulrich Mehlem, der auch Arabisch studiert hat, hat eine Schulungseinheit abgehalten, bei der er nur Arabisch mit den Studierenden sprach. Die Studierenden stellten dabei fest, dass es tatsächlich möglich ist, Dinge vermittelt zu bekommen, auch wenn man die Lehrsprache noch nicht beherrscht.

Die Studierenden waren an den beiden Schulungstagen von morgens bis abends da, und irgendwann wurden die Augen auch etwas müder, aber sie waren hochmotiviert dabei. Nach der Schulung haben wir das Programm direkt evaluiert, um festzustellen, was gut funktioniert und bei welchen Workshops wir beim nächsten Mal noch nachjustieren müssen.

Wie funktioniert das Unterrichten durch die Studierenden konkret? Bekommen sie Unterrichtsmaterial an die Hand, um damit in die Flüchtlingsunterkünfte zu gehen?
Ja, wir hatten gemeinsam ein geeignetes Lehrbuch ausgewählt und dieses dann auch gleich für die Studierenden bestellt. In ausreichender Zahl, dachten wir, aber dann saßen am Schulungstag statt der eingeladenen 100 deutlich mehr Studierende im Raum. Die, die nicht angemeldet waren, baten darum bleiben zu dürfen, weil sie so gerne geschult werden wollten. Wir haben uns dann entschieden, diese Motivation zu honorieren und die Gruppen für einige zusätzliche Teilnehmer geöffnet, sodass wir am Ende 120 Studierende geschult haben. Die fehlenden Lehrbücher haben wir dann nachbestellt. (lacht) Die Studierenden unterrichten in Tandems. Wenn sie zu zweit sind, so unsere Überlegung, können sie sich wechselseitig bei der Vorbereitung und im Unterricht selbst unterstützen.

Welche Altersgruppen werden bei „Start ins Deutsche“ unterrichtet?
Das ist sehr unterschiedlich. In einigen Unterkünften gibt es viele Familien mit Kindern, wie etwa im Bockenheimer Labsaal, anderswo sind es eher geflüchtete allein reisende Männer. Bei einem weiteren Einsatzort besuchen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einen regulären Deutschunterricht, und unsere Studierenden unterstützen die Lehrkräfte zum Beispiel mit Sprachübungen. Die Klientel ist sehr unterschiedlich, aber die Studierenden stellen sich sehr flexibel darauf ein.

Das Ganze läuft ja auf freiwilliger Basis, neben dem Studium. Wie wird trotzdem ein regelmäßiger Unterricht gewährleistet?
Das organisieren die Studierenden fast alles selbst. Im Hintergrund steuert sanft, aber effektiv Frau Dinkelaker, die die nötigen Strukturen entwickelt hat, indem sie zum Beispiel Listen anlegt, in die sich die Studierenden eintragen, oder ihnen bei den Vorbereitungen hilft, um Aufgaben selbst in die Hand zu nehmen. Von Frau Dinkelaker stammte auch die Idee, für jeden Standort Sprecher beziehungsweise Sprecherinnen zu gewinnen, die dann die jeweilige Koordination in die Hand nehmen – das funktioniert hervorragend, und die Studierenden freuen sich darüber, dass wir ihnen so viel zutrauen.

Sicher gibt es teilweise auch schwierige Situationen, sei es beim Unterrichten, sei es persönlich. Wie wird das im Projekt aufgefangen?
Wir bieten allen studentischen Lehrenden alle zwei Wochen eine professionelle Supervision an, in Gruppen von maximal zwölf Teilnehmenden und in einem geschützten Raum. Dabei geht es nicht nur um die Besprechung von möglicherweise aufgetretenen Problemen, sondern auch um Professionalisierung dadurch, dass die Studierenden ihr eigenes Handeln reflektieren, um sich gegebenenfalls beim nächsten Mal noch angemessener verhalten zu können.

„Start ins Deutsche“ ist vorerst auf drei Monate begrenzt. Ich könnte mir vorstellen, dass der Unterricht bei vielen Flüchtlingen auch mit der Hoffnung auf Kontinuität verknüpft ist. Wie kann eine Lösung hier aussehen – vernetzen Sie sich mit anderen Unterrichtsanbietern?
Unser Projekt ist nur eine Ergänzung. Die Stadt selbst finanziert über die Volkshochschule Deutschanfängerkurse, aber die Wartezeiten sind teilweise sehr lang, sodass wir hier sehr gut einspringen können. Meine Hoffnung und Erwartung ist, dass wir auch ein Folgeprojekt starten werden, das dann länger laufen wird. Es beeindruckt mich, welche Initiative unsere Studierenden hier ergreifen und welchen Auftrag sie für sich selbst in der Gesellschaft sehen – das möchte ich gerne unterstützen.
Die Fragen stellte Imke Folkerts.